Die Bitcoin-Blase im Lichte vergangener Finanzkrisen

Dass ein Instrument wie die digitale Währung Bitcoin, das derartige Kursschwankungen aufweist, vorwiegend ein Spekulationsobjekt ist und als Zahlungsmittel im Alltag niemals mit einer stabilen Währung wie dem Euro mithalten wird können, ist offensichtlich. Die mancherorts gehegte Hoffnung, man investiere hier in eine Zukunftswährung, ist höchst fragwürdig. Bitcoin ist auch deswegen kein sehr effizientes Zahlungsmittel, weil zu seiner Schaffung sehr viel Computerleistung mit entsprechendem Stromverbrauch notwendig ist. Ein Notenbankkollege hat dazu einmal festgestellt, dass durch Bitcoin mit dem Stromverbrauch Irlands der Zahlungsverkehr einer mittelgroßen Stadt abgewickelt wird. Zusätzlich können mit Bitcoin Geldwäsche betrieben und Kapitalverkehrsbeschränkungen umgangen werden, was etwa in China zu Beschränkungen für Bitcoin geführt hat. Von Bitcoin zu unterscheiden ist die zugrundeliegende Technologie – Blockchain -, die durchaus interessante Aspekte besitzt.

Das Problematische bei solchen spekulativen Kursentwicklungen ist, dass sehr viele Nicht-Fachleute, getrieben von der Aussicht auf leichte Gewinne, zu schon exorbitant angestiegenen Kursen kaufen und dann im Crash hohe Verluste erleiden.

Deregulierte Finanzmärkte sind instabil
Dies ist nichts Neues, da es auf den Finanzmärkten in der Geschichte immer wieder zu spekulativen Übertreibungen, Manien, Paniken und dadurch ausgelöst zu immer wiederkehrenden Krisen und Kursabstürzen kam. Es hat daher auch immer wieder Finanzkrisen, die meist mit Boom-und-Bust-Zyklen einhergingen, gegeben, zum Beispiel die Südsee-Blase, die Tulpenspekulation, Kanal- und Eisenbahnkrisen, den Börsencrash 1929, EWS-Krisen, den Zusammenbruch des sogenannten Schwedischen Modells, die Mexiko-, Asien-, Türkei-, Argentinien-Krise, die Dotcom-Blase oder auch Immobilienblasen in den USA, Irland, Spanien.

Bei diesen Boom/Bust-Zyklen steigt zuerst der Preis eines Assets – dies können Tulpenzwiebeln, Aktien, Gold, Rohstoffe, Immobilien oder Ähnliches sein -, nur um dann wieder einzubrechen. Jetzt ist es eben Bitcoin, das getrieben durch Spekulationen in schwindelerregende Höhen steigt.

In der Geschichte die einzige Phase relativer Stabilität der Finanzmärkte ohne Krisen war die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Beginn der 1970er Jahre, als das Keynes’sche Paradigma (nachJohn Maynard Keynes) mit einem starken Staat, der die Finanzmärkte stark regulierte, herrschte. Dieses Bretton-Woods-System war als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre geschaffen worden. Im Bretton-Woods-System gab es mehr Staat und weniger Markt, mit relativ festen Wechselkursen und Kapitalverkehrs-Beschränkungen.

Die teilnehmenden Industrieländer erlebten die günstigste makroökonomische Entwicklung ihrer Geschichte. Es gab niedrige Inflationsraten, niedrige Zinsen, hohes Wachstum und niedrige Arbeitslosigkeit. Die Staatsverschuldung und die Ungleichheit sanken, die Konvergenz zwischen den Ländern nahm zu. Finanzkrisen gab es in dieser zeit praktisch nicht.

Nach dem Zusammenbruch dieses Systems Anfang der 1970er Jahre wurde das Keynes’sche Paradigma vom Neoliberalismus abgelöst. Dieser ging von effizienten Märkten aus, auf denen es kein Marktversagen gibt. Es gibt daher keine destabilisierende Spekulation, Märkte sind immer rational, und Probleme treten nur durch die Eingriffe des Staates auf.

Mehr Markt, weniger Staat – und neue Rolle für Spekulanten
Da die Märkte als rational und effizient betrachtet wurden, wurden Regulierungen abgebaut, und der Staat zog sich aus der Wirtschaft zurück – mehr Markt, weniger Staat. Der Spekulation wurde eine stabilisierende Rolle zugeschrieben und Spekulanten wurden als rational handelnde Teilnehmer am Wirtschaftsgeschehen gesehen, die durch die Bereitstellung von Liquidität für die Märkte eine nützliche Rolle erfüllen und dabei lediglich ihren Reichtum optimieren. In dieser Vorstellung von effizienten Märkten gibt es kein Marktversagen. Politisch wurde der Neoliberalismus von Premierministerin Margaret Thatcher in Großbritannien und Präsident Ronald Reagan in den USA vorangetrieben, viele andere Staaten folgten mit der Zeit.

Von den Marktfundamentalisten wurde bis zum Ausbruch der großen Krise im Jahr 2007 der Rückzug des Staates aus der Wirtschaft, insbesondere auch aus dem Finanzsektor, betrieben. Zusätzlich wurden Marktelemente auch in die Bankenaufsichtsregeln (Basel II) und Rechnungslegungsvorschriften („mark to market“-Bewertung zu Marktpreisen) eingebaut sowie weite Bereiche der Finanzmärkte der staatlichen Aufsicht entzogen. Dies führte, da Märkte zum Überschießen im Boom nach oben und in der Krise nach unten neigen, zu massiven prozyklischen Auswirkungen und verstärkte die Krise.

Kritische Stimmen wurden ignoriert. Der US-Ökonom Hyman Minsky betonte in seinen Werken die zyklische Natur des Kapitalismus und stellte fest, dass schon Keynes in seiner „General Theory“ dies als systemische Eigenschaft des Kapitalismus erkannt hatte. Wie ich selbst schon 2003 in einem Beitrag zum Sammelband „Alternativen zum Neoliberalismus im Zeitalter der Globalisierung“ feststellte, verursachen neoliberale Reformen wie die Deregulierung des Finanzsektors und die Liberalisierung des Kapitalverkehrs, verbunden mit großen Kapitalflüssen, Finanzkrisen. Ich stellte schon damals fest: „Die Frage ist nicht ob, sondern wann die nächste Krise, der nächste Crash kommt und wie wir darauf vorbereitet sind.“

Seit den 1980er Jahren sind daher die Krisen wieder häufiger geworden – Schuldenkrisen insbesondere in Lateinamerika in den 1980ern, Währungskrisen in Europa von 1992 bis 1995, die Mexiko-Krise 1994/95, die Asien-Krise 1997 bis 1999, die Russland-Krise 1998 oder auch die Hedge-Fond-Krise (Long Term Capital Movements Fonds) 1998/99, um nur einige zu nennen. Weiters ist die massive Überbewertung der Technologie-Aktien, der im Jahr 2000 ein regelrechter Crash dieser Aktien folgte, zu erwähnen. Seit 2007 haben wir die schwerste Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren, ausgehend von einem Boom/Bust-Zyklus auf den US-Immobilienmärkten, die noch immer nicht zur Gänze überwunden ist. Luc Laeven und Fabián Valencia haben in einer Studie für den Internationalen Währungsfonds (IWF) festgestellt, dass es von 1970 bis 2011 insgesamt 218 Währungs-, 147 Banken- und 66 Staatsschuldenkrisen gab. Diese Krisen verursachten hohe wirtschaftliche Kosten.

Starke Rolle des Staates in Österreich bis zum Jahr 2000
Österreich blieb bis zum Jahr 2000 dem sogenannten Austro-Keynesianismus verbunden, und der Staat hatte eine im internationalen Vergleich starke Rolle. Es gab keine systemischen Finanzkrisen. Das Wachstum war höher und die Arbeitslosigkeit niedriger als im EU-Durchschnitt. Erst ab dem Jahr 2000 kam es unter ÖVP/FPÖ/BZÖ-Regierungen zu einer Wende, und man deregulierte und privatisierte nach dem Motto „mehr Markt, weniger Staat“. Im Jahr 2001 gab es eine prozyklische Finanzpolitik, die zu einem Wachstumsrückstand gegenüber dem EU-Durchschnitt führte. Zusätzlich wurden Ungleichgewichte aufgebaut (Banken-Exposure in Osteuropa, Fremdwährungskredite und gleichzeitig die Reserven der Nationalbank um 8 Milliarden Euro reduziert und für die Budgetsanierung verwendet).

Anfang 2009 kam es zu heftigen spekulativen Attacken gegen praktisch alle Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas (MOEL). Auch Österreich mit seinem hohen Exposure in dieser Region kam unter Druck. Die Finanzmärkte reagierten auf die MOEL-Finanzkrise mit einem Anstieg der österreichischen CDS-Spreads (Versicherungsprämie für den Fall eines Zahlungsausfalls) auf das Niveau Griechenlands. Zusätzlich stiegen die Risikoprämien für österreichische Staatsanleihen. Dies verteuerte die Finanzierung für Österreich. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman sprach sogar von der Gefahr eines Staatsbankrotts Österreichs. In enger Zusammenarbeit von österreichischer Bundesregierung, Banken und Nationalbank, etwa in der „Vienna Initiative“, konnten gemeinsam mit der EU und dem Internationalen Währungsfonds die MOEL-Wirtschaften stabilisiert werden. Die Risikoprämien für österreichische Staatsanleihen sanken stark, wodurch sich Österreich hohe Zinskosten ersparte.

Verstärkte Regulierung der Finanzmärkte
Seit der großen Finanz- und Wirtschaftskrise verstärkt man seit 2009 die Regulierung der Finanzmärkte – mehr Staat, weniger Markt -, um eine Wiederholung der Krise zu vermeiden. Teils ist man hier aber nicht sehr effizient, wenn man etwa kleine Banken den gleichen Regelungen unterwirft wie große – hier wäre mehr Proportionalität bei Regulierungen bei großen Themen gefragt. Vom Niveau des Bretton-Woods-Systems ist man aber noch weit entfernt. Sogar in Großbritannien wurde die bisherige neoliberale Wirtschaftspolitik entsorgt, und in Zukunft will der Staat stärker in die Wirtschaft eingreifen. So soll eine stärker keynesianisch orientierte Fiskal- und Industriepolitik verfolgt werden. Dies ist eine historische Wende, da Großbritannien seit Thatcher, auch unter Labour Regierungen, eine neoliberale Wirtschaftspolitik betrieben und sie in vielen Bereichen auch in der EU durchgesetzt hat. Die Labour Party hat eine noch radikalere Wende gemacht und tritt nun wieder für die Verstaatlichung wichtiger Infrastrukturunternehmen ein.

Man hat gelernt, dass deregulierte Finanzmärkte instabil sind und immer wieder Boom/Bust-Zyklen entwickeln, die zu Finanzkrisen führen. „Mehr Staat, weniger Markt“ ist international die Devise. Lediglich in den USA tritt Präsident Donald Trump wieder für eine Deregulierung ein, wovor aber sogar die Fed warnt.

Zum Autor: Franz Nauschnigg ist Leiter der Abteilung für Integrationsangelegenheiten und Internationale Finanzorganisationen in der Oesterreichischen Nationalbank.

Quelle: http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/921022_John-Maynard-Keynes-und-das-digitale-Geld.html?em_cnt_page=2