Nein, JP Morgan hat keine Bitcoins gekauft

Die Hysterie rund um die Kommentare von Jamie Dimon ist übertrieben. Die Story über angebliche Bitcoin-Trades von JP Morgan basiert nicht auf Fakten – und lenkt nur ab vom Kulturkampf in der Finanzwelt.

Bitcoin sei ein Betrug. Schlimmer als die Tulpenblase sei das alles. Wer in seiner Bank mit Bitcoin handelt, fliegt sofort raus. Jamie Dimon, dem CEO der amerikanischen Megabank JP Morgan, war die Aufmerksamkeit der Medien sicher, als er in der vergangenen Woche über die Kryptowährung Bitcoin hergezogen ist. Sogar seine eigene Tochter musste herhalten für seine Tirade: „Sie hat Bitcoin gekauft und es ist raufgegangen. Jetzt glaubt sie, dass sie ein Genie ist“. Gelächter im Saal.

Raum für die Morgan-Coin?
Nun ist Dimon freilich nicht der einzige große Name der Finanzwelt, der sich schon abfällig über Bitcoin geäußert hat. Von Warren Buffet bis zum österreichischen Notenbankchef Ewald Nowotny: die Liste der Skeptiker wird jeden Tag länger. Könnten sie am Ende Recht behalten? Natürlich. Verfolgen sie gar andere Ziele, wollen sie Bitcoin schlecht reden um Raum für eigene Produkte zu schaffen, für eine Morgan-Coin oder einen Blockchain-Euro? Es ist nicht auszuschließen. Im Fall von Jamie Dimon ist in den sozialen Medien rasch eine andere Erklärung verbreitet worden: Der Chef redet Bitcoin runter, damit die Bank günstig nachkaufen kann. Ein Klassiker. Richtig in Fahrt gekommen ist diese Story, als auf Twitter ein Screenshot von einer skandinavischen Trading-Plattform aufgetaucht ist, der auf den ersten Blick zeigt, dass JP Morgan tatsächlich Bitcoin gekauft hat – kurz nach dem Kommentar von Dimon. Finanzblogs wie ZeroHedge und Bitcoin-Seiten wie Bitcoin.com haben sofort Artikel daraus gemacht, nach dem Motto: Seht her, JP Morgan kauft Bitcoin.

JP Morgan darf gar nicht auf eigene Kosten traden
Leider bleibt die gründliche Recherche bei der Jagd nach einer guten Schlagzeile oft aus. Man sieht das immer wieder bei schlecht recherchierten Artikeln, die Bitcoin und andere Kryptowährungen in ein schiefes Licht rücken. Aber eben auch aus der anderen Richtung – von den Fans von Bitcoin.

Das wichtigste zuerst: Nein, JP Morgan hat keine Bitcoin gekauft. Banken ist es seit der letzten Finanzkrise nicht erlaubt, selbst zu traden und daran Geld zu verdienen.

Anleger müssen Umweg über Zertifikate gehen
Was war auf dem Screenshot also wirklich zu sehen? Dass JP so wie andere Banken auch im Auftrag seiner Kunden (wahrscheinliche Hedgefonds oder sehr reiche Privatpersonen) Transaktionen aller Art abwickelt. Im konkreten Fall geht es auch gar nicht um Bitcoin sondern um ein Zertifikat (eine Exchange Traded Note – ETN), das den Bitcoin-Kurs abbilden will. Solche Vehikel gibt es inzwischen einige, weil „normale“ Investoren bis heute vom Bitcoin-Markt ausgeschlossen sind.

Wer Bitcoin oder andere Kryptowährungen kaufen will, muss sich selbst an die Arbeit machen und sich mit der Infrastruktur der jeweiligen Blockchain vertraut machen. Zertifikate und gewisse Fonds oder ETFs (die es noch nicht gibt) sind eine Art Brücke – sie erlauben es traditionellen Anlegern mithilfe ihrer Broker von der Kursentwicklung von Bitcoin zu profitieren ohne tatsächlich Bitcoin zu besitzen. Ähnlich wie Gold-ETFs ein Gold-Investment simulieren, ohne je physisches Gold zu kaufen.

Altrichter: “ICOs werden noch viel bedeutsamer werden”

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Was werden sich die Kunden denken? Gegenüber Reuters hat JP Morgan klar gestellt, dass man im fraglichen Fall lediglich als Broker aufgetreten ist. Der fragliche Screenshot hätte an den Tagen zuvor oder danach wohl ähnlich ausgesehen, weil die größten Banken auch die meisten Trades abwickeln. Wenn überhaupt kann man auf Basis dieser Momentaufnahme höchstens behaupten, dass die Kunden von JP Morgan die Meinung des CEOs nicht Teilen – oder zumindest profitieren wollen, bis die Blase platzt. Wie der ehemalige JP-Morgan-Trader Joseph Chen-Yu Wang auf seinem persönlichen Blog festhält, lenkt die Debatte um einen Screenshot von der eigentlichen Problematik ab. Bitcoin-Investoren sind Aussagen wie jene von Dimon ohnehin schon gewohnt. Aber für den Erfolg der Großbank sind sie eher kontraproduktiv, schreibt der Trader: „Das große Problem mit den Aussagen von Dimon ist, dass sie für die Zukunft der Firma schrecklich sind.“ Jene Kunden, die über JP Morgan mit Bitcoin-Zertifikaten handeln, werden sich gut überlegen, ob sie nicht den Broker wechseln werden.

Dimons Aussagen sind demotivierend
„Es ist auch furchtbar für die Moral in der Firma“, schreibt der Ex-Trader weiter: „In einer so großen Firma als Innovator aufzutreten ist ein extrem schwieriger und frustrierender Job. Es ist so, als würde man einem Elefanten das Tanzen beibringen wollen (…) Der CEO ist wie die Königin von England. Er ist so weit weg, dass er keinen direkten Einfluss auf deine Arbeit hat. Aber er kann den Ton und die Vision vorgeben.“ Dimons Kommentare haben wohl einige bei JP Morgan, die etwas neues ausprobieren wollen, gründlich demotiviert, schreibt Chen-Yu Wang.

Die Sache hat noch weitere Aspekte. So ist JP Morgan Teil der Ethereum-Allianz und damit direkt am Erfolg von Bitcoins bisher größtem Gegner interessiert. Und: Schon im Jahr 2013 gab es Berichte, wonach JP Morgan und andere Banken an ihrer eigenen Version von Bitcoin arbeiten. Bisher scheint keines der großen internationalen Geldhäuser damit Erfolg gehabt zu haben. Gleichzeitig bedroht der Erfolg von Bitcoin durchaus das Geschäftsmodell dieser Banken. Dimon wird das wohl erkannt haben. Bleibt die Frage: Warum hat sich bisher keine große Bank getraut, ihre eigene Coin aufzulegen?

Wo bleiben die Währungen der großen Banken?
Dafür kann es mehrere Gründe geben. Möglicherweise schaffen die Banken es nicht, die Technologie für ihre Zwecke zu adaptieren. Oder sie wollen nicht als erste in den Markt gehen und scheitern. Immerhin herrscht ja gerade in der Bitcoin-Welt großes Misstrauen gegenüber traditionellen Banken. Der schlechte Ruf von Ripple, das sich als Alternative zum Interbanken-Zahlungssystem Swift etablieren will, zeigt das.

Der wahre Grund dafür, warum Banken bisher keine eigenen Währungen herausgeben, dürfte aber tiefer liegen. Man muss bedenken: Niemand hat JP Morgan vor der Blockchain daran gehindert, Papier zu bedrucken und es mit dem eigenen Namen zu versehen. Niemand außer den allmächtigen Zentralbanken. Die sind vor ein paar hundert Jahren explizit angetreten, um das Chaos der damals zirkulierenden verschiedenen Bankenwährungen beherrschbar zu machen. Tatsächlich ist es noch nicht so lange her, dass Banken ihr eigenes (meist durch Gold gedecktes) Geld herausgegeben haben. Daher kommt das Wort Banknote.

Die Zentralbanken arbeiten nur sehr, sehr langsam
Soll heißen: Die großen Banken müssen darauf warten, bis die Zentralbanken sich entschieden haben, wie mit Kryptowährungen umzugehen ist. Und Zentralbanken arbeiten sehr, sehr langsam. Der ehemalige südafrikanische Notenbanker Eugéne Etsebeth hat sogar eine Liste angefertigt, warum Zentralbanken mit der Herausforderung aus dem Internet heillos überfordert sind.

In der Zwischenzeit bleibt den Bankern und Notenbankern also nur eines: zu hoffen, dass der Spuk von selbst wieder vorbei geht. Und im Fall von Jamie Dimon, dass ihm seine Tochter den öffentlich gemachten abschätzigen Kommentar über ihre Bitcoin-Käufe verzeiht.

Zum Autor:
Nikolaus Jilch ist seit 2011 Redakteur im “Economist” der Tageszeitung “Die Presse”. Als Experte für Geldpolitik, Währungen und Edelmetalle beschäftigt er sich seit 2012 auch mit Bitcoin und der Blockchain. Seine Kolumne “Wertsachen” erscheint jeden Samstag in der “Presse”. Twitter: @JilNik

Quelle: https://www.derbrutkasten.com/a/nein-jp-morgan-hat-keine-bitcoins-gekauft/