Bitcoin: Können digitale/Kryptowährungen die Geldpolitik beeinflussen?

Digitale Währungen gibt es bereits, seit es Computer möglich gemacht haben, Kontostände online zu speichern. Eine digitale Währung kann allgemein als in elektronischer Form gespeicherte Gelder bezeichnet werden, mit denen Zahlungen getätigt oder erhalten werden können. Kryptowährungen sind hingegen ein viel neueres Phänomen, wobei Bitcoins am bekanntesten sind. Kryptowährungen sind eine Unterkategorie digitaler Währungen, bei denen Verschlüsselungsverfahren zum Einsatz kommen, um die Erstellung und den Transfer von Währungseinheiten zu steuern. Laut der Webseite www.coinmarketcap.com erreichten Kryptowährung Ende Juli 2017 eine Marktkapitalisierung von 1,3 Mrd. USD, die auf rund 1000 solcher Währungen verteilt ist. Ihre Nutzung nimmt daher rapide zu, aber können sie auch tatsächlich als Geld bezeichnet werden?

Sind Kryptowährungen Geld?
Die kurze Antwort ist nein. Um als Währung zu gelten, muss eine Form von Geld (d.h. digitale Währungen) als Rechnungseinheit, Wertanlage und Tauschmittel dienen. Kryptowährungen werden zwar als Wertanlage genutzt (wenngleich mit deutlich höherer Volatilität als traditionelle Währungen), erfüllen aber die beiden anderen Kriterien nicht vollständig. Der Nutzungsumfang ist dabei sicherlich ein Faktor, weshalb Kryptowährungen die Geldpolitik in absehbarer Zukunft nicht beeinflussen dürften.

Kryptowährungen haben keinen inneren Wert. Zwar stellen sie eine begrenzte Ressource dar – Bitcoins und andere Kryptowährungen haben einen limitierten Bestand. Die Anleger engagieren sich aber hauptsächlich eher aufgrund der Möglichkeit, die Kryptowährung in der Zukunft zu einem höheren Preis veräußern zu können, anstatt der Fähigkeit, damit andere Waren und Dienstleistungen zu erwerben (wenngleich die Nutzung für andere Zwecke zunimmt).
Als Tauschmittel werden Kryptowährungen nur in begrenztem Maße zum Erwerb von Waren und Dienstleistungen eingesetzt. Darüber hinaus werden die Käufe in der Regel zudem in Währungen wie US-Dollar oder Euro umgerechnet, weshalb Kryptowährungen nicht zu Buchhaltungszwecken verwendet werden und somit nicht die Merkmale einer Rechnungseinheit erfüllen.

Mangel an Vertrauen, aber nicht an Volatilität
Die Volatilität stellt ein Hindernis für den weitläufigen Einsatz von Kryptowährungen als Zahlungsmittel und zur Abwicklung von Transaktionen sowie als Rechnungseinheit und Wertanlage dar. Digitale Währungen unterliegen extremen Schwankungen, wodurch sich die Kaufkraft kontinuierlich verändert.

Die Kursstabilität ist entscheidend für Währungen, um als vertrauenswürdiges Tauschmittel zu gelten. Kostet ein bestimmtes Sortiment an Waren heute 100 Pfund Sterling und in einer Woche nur noch 50 Pfund, dann bestehen wenig Anreize für eine weitverbreitete Annahme. Sinkt der Wert einer digitalen Währung, sind die Anleger geneigt, sie so schnell wie möglich abzustoßen und im umgekehrten Fall zu horten.

Auswirkungen auf die Geldpolitik
Im Gegensatz zu staatlichen Zahlungssystemen und anderen digitalen Währungen macht es die Innovation des „Distributed Ledger“ (für Bitcoin entwickelt) – dabei werden Transaktionen von einer dezentralisierten Gruppe an Netzwerkteilnehmern, sogenannten „Minern“, aufgezeichnet und verifiziert – möglich, dass Transaktionen mit digitalen Währungen zwischen zwei unabhängigen Parteien keiner vertrauenswürdigen Drittpartei bedürfen. Kryptowährungen umgehen aufgrund ihrer dezentralisierten Art die traditionellen Geldkanäle. Auf diese Weise würde die Geldpolitik unterminiert, falls der Nutzungsumfang der Kryptowährungen zunimmt und sie die Fiat-Währungen als dominantes Zahlungsmittel zu verdrängen versuchen. Zudem sind Kryptowährungen globaler Natur, was das potenzielle Problem noch verstärkt, da ihre Nutzung den Zuständigkeitsbereich der Länder (und Zentralbanken) überbrückt. In einer von Kryptowährungen dominierten Welt müsste die Geldpolitik weltweit stärker aufeinander abgestimmt werden, um einen wesentlichen Einfluss zu haben.
Ein weiteres Problem, das sich bei der Umsetzung der Geldpolitik mit Kryptowährungen stellt, ist die begrenzte Verfügbarkeit. Ohne die Möglichkeit, die Geldmenge zu beeinflussen, kann ein potenzielles Horten die Geldmenge um das Zweifache verringern. Kann die Geldmenge nicht erhöht werden, fällt der Unterstützungscharakter der Politik weg. In einem von quantitativer Lockerung geprägten Umfeld stellt eine feste Menge an (digitalem) Geld eine deutliche Einschränkung bei der effektiven Übertragung der Geldpolitik dar. Darüber hinaus kann die Reduzierung der Geldmenge zu Deflation führen, indem die Nachfrage gesenkt wird.

Digitale Währungen der Zentralbanken
Im Falle einer Finanzkrise dürfte ein dezentralisiertes Rahmenwerk für digitale Währungen kaum für Vertrauen sorgen, da kein Institut für den Wert der digitalen Währung bürgt. Kryptowährungen verfügen über ein dezentrales Vertriebsnetz, und im Gegensatz zu Fiat-Währungen oder von Zentralbanken ausgegebenen digitalen Währungen gibt es keine vertrauenswürdige Gegenpartei, welche die Währung im Wesentlichen garantiert. Jüngste „Hard Forks“ bei Bitcoin und Ethereum verdeutlichen in der Tat die Unsicherheit im Hinblick auf den Wert einer Kryptowährung.
Eine von einer zentralen Behörde ausgegebene digitale Währung (sicherlich die Antithese zur Zunahme der Beliebtheit von Kryptowährungen), bei der aber ein Distributed-Ledger-Rahmenwerk zum Einsatz kommt, könnte die Zahl der Intermediäre verringern und die Effektivität und Effizienz der Geldpolitik auf mehrere Arten steigern. Erstens wären Transaktionen unabhängig verifizierbar, was die Transparenz wohl erhöhen dürfte. Zweitens könnten sich Zeit- und Kosteneinsparungen ergeben, da Währungstransaktionen nicht innerhalb eines einzelnen Instituts abgewickelt werden. Darüber hinaus würde die Übertragung der Geldpolitik unmittelbarer vonstattengehen, da die finanziellen Mittel direkt an die Konsumenten und Unternehmen verteilt und das Bankensystem im Wesentlichen umgangen würde.

Die EZB gibt allerdings Vergütungsprobleme zu bedenken: die Zinsen für digitale Währungen könnten die Nachfrage beeinflussen. Vergütet die Zentralbank zum Einlagenzins (der bei vielen derzeit negativ ist), würde dies gegen den Einsatz der Währung sprechen und zur Attraktivität von Einlagen bei normalen Banken beitragen, die in der Regel keine Negativzinsen berechnen. Legt die Zentralbank einen Einlagenzins von 0 Prozent (anstelle von Negativzinsen) zugrunde, könnten sich daraus ebenfalls Probleme ergeben. So könnten Banken beispielsweise Nichtbank-Tochtergesellschaften errichten, die in der Lage wären, kostenlos digitale Währungen bei der Zentralbank zu halten, und dadurch die Auswirkungen der Geldpolitik untergraben würden.

Fazit
Viele wichtige Zentralbanken, darunter die Bank of England (BoE), die Bank of Canada (BoC) und die Europäische Zentralbank (EZB), haben digitale Währungen und die Distributed-Ledger-Technologie im geldpolitischen Rahmen getestet oder in Erwägung gezogen. Aufgrund der erhöhten Volatilität und der kaum verbreiteten Nutzung dürften Krypto- oder digitale Währungen die Geldpolitik nicht wesentlich beeinflussen.

Eine von einer Zentralbank ausgegebene digitale Währung könnte sich jedoch potenziell positiv auf die Effektivität der Geldpolitik auswirken. Allerdings müssten dafür im Hinblick auf den Rahmen für Preisgestaltung und Vertrieb noch zahlreiche Hürden genommen werden.

Quelle: https://www.wallstreet-online.de/nachricht/9912189-etf-securities-ausblick-2017-september-digitale-kryptowaehrungen-geldpolitik-beeinflussen