Expansive Geldpolitik – Draghis Dilemma

Die Konjunktur in der Eurozone nimmt immer weiter Fahrt auf. Allmählich wäre es Zeit für die Europäische Zentralbank, aus der hyperaktiven Geldpolitik auszusteigen. Eigentlich. Aber so bald wird daraus wohl nichts.

Welches gesellschaftliche Problem belastet Sie persönlich am meisten? Die meisten Menschen in Europa antworten auf diese Frage: steigende Preise. Inflation mag nicht das vordringliche politische Problem sein, das derzeit die Bürger umtreibt. Aber dass das tägliche Leben teurer wird, das bereitet allerdings Vielen Sorge – gerade in Süd- und Osteuropa, wo die Folgen der langen Wirtschaftskrise nach wie vor spürbar sind. So zeigt es die aktuelle Eurobarometer-Umfrage.

Schnitt. Auftritt Mario Draghi. Wenn der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag vor die Presse tritt, dürfte er andere Akzente setzen. Die Inflationsrate, wird er dann wohl sagen, sei immer noch zu niedrig. Der Aufschwung brauche nach wie vor „einen sehr substanziellen Grad an monetärer Unterstützung“ durch die Zentralbank, „damit sich allmählich ein tieferliegender Inflationsdruck aufbauen kann“.

So, oder so ähnlich, hat es Draghi in den vergangenen Monaten immer wieder formuliert. Die Zentralbank wünscht sich höhere Inflationsraten. Zuletzt stiegen die Verbraucherpreise im Euroraum um 1,5 Prozent, weniger als die von der EZB angepeilte Rate von mittelfristig knapp 2 Prozent. Dass die hohen Preise bei Immobilien, Aktien und Anleihen auch eine Form von Inflation sind, nimmt die Zentralbank in Kauf. Die Wirtschaft soll erst mal richtig Fahrt aufnehmen und Schulden abtragen, damit der Aufschwung, der gerade erst bei den Bürgern in Spanien oder Frankreich anzukommen beginnt, nicht gleich wieder zusammenklappt.

Die EZB kippt deshalb weiter Geld in großem Stil in die Märkte. Monat für Monat kauft sie Wertpapiere im Wert von 60 Milliarden Euro an und hofft darauf, dass die reale Wirtschaft weiter Fahrt aufnimmt.

Wann ist Schluss damit?

Es ist diese Frage, die die Börsen umtreibt. Das derzeitige Aufkaufprogramm der EZB läuft bis Ende 2017. Nun warten alle auf Ansagen, wie es kommendes Jahr weitergeht. Möglich, dass Draghi diese Woche erste Details verkündet. Vermutlich wird die EZB ihre monatlichen Wertpapierkäufe nur ganz langsam reduzieren; auch 2018 dürfte sie noch die Konjunktur anschieben. Nach dem Motto: Bloß keine Unruhe an den Finanzmärkten. Die Leitzinsen bleiben in diesem Szenario übrigens noch für lange Zeit bei null.

Viele Bürger mögen sich stabile Preise und eine positive Verzinsung ihrer Ersparnisse wünschen. Die Notenbanken, nicht nur die EZB, hingegen sehen sich gezwungen, weiterhin extrem freigiebig Geld unter die Leute zu bringen.

Dabei ist die Lage eigentlich nicht schlecht. Die Wirtschaft der Eurozone wächst seit fast vier Jahren ununterbrochen. Der Aufschwung hat inzwischen sogar Italien und Griechenland erfasst. Die Beschäftigung steigt. Die Angst vor einer Deflation, also einer Abwärtsspirale mit sinkenden Preisen und schrumpfendem Sozialprodukt, ist verflogen.

Die Wirtschaft hat die Krise hinter sich gelassen – die Notenbanken aber sind immer noch im Krisenmodus.

Noch mal die Frage: Wann ist Schluss damit?

Die Notenbanker sind irritiert, dass die Wirtschaft anders funktioniert als früher. Im Zweifel tun sie lieber zu viel als zu wenig. Und sie wissen: Die Finanzmärkte reagieren extrem sensibel, wenn sie Kursänderungen erwarten.

Der Euro wird immer stärker

In Zeiten hyperexpansiver Geldpolitik, in der alle Zinssätze bereits extrem niedrig sind, ist der Wechselkurs wohl die wichtigste verbliebene Stellschraube für die Notenbanken. In den vergangenen Jahren war das bereits zu beobachten: Nachdem Draghi 2014 öffentlich darüber zu sprechen begann, dass auch die EZB Wertpapiere aufkaufen könne („quantitative Lockerung“) – wie zuvor schon die Notenbanken der USA und Großbritanniens -, reagierten die Wechselkurse prompt: Gegenüber praktisch allen anderen Währungen verlor der Euro an Wert. Die Abwertung setzte sich fort, als die EZB im Frühjahr 2015 tatsächlich mit ihren Anleihekäufen begann, was insbesondere der Industrie in schwächeren Volkswirtschaften half (und Deutschlands außenwirtschaftliche Überschüsse in immer weitere Höhen trieb).

Seit April dieses Jahres jedoch erleben wir das Gegenteil: Der Euro wird immer stärker.

Binnen fünf Monaten hat er 12 Prozent gegenüber Dollar und Pfund zugelegt, 13 Prozent gegenüber dem Yen, 7 Prozent gegenüber dem Schweizer Franken, 8 Prozent gegenüber dem Yuan, 18 Prozent gegenüber dem Rubel, 13 Prozent gegenüber der Rupie. Im Durchschnitt aller wichtigen Handelspartner hat er in etwa wieder den Wert erreicht, den er vor Beginn der Lockerungsübungen Ende 2014 hatte.

Dabei ist der Anlass für die Aufwertung vergleichsweise unspektakulär: Seit April hat die EZB ihre Anleihekäufe lediglich reduziert, auf 60 Milliarden Euro monatlich; zuvor hatte sie 80 Milliarden gekauft.

Und dann sind da noch die USA, wo die Zinsen doch nicht so schnell steigen wie erwartet. Schwache Zahlen vom amerikanischen Arbeitsmarkt in der abgelaufenen Woche könnten die Straffung der US-Geldpolitik abermals verzögern. Bislang ist die EZB mit einigem Abstand der Fed gefolgt. Geht es so weiter, wird sich auch die EZB allenfalls äußerst vorsichtig vorantasten.

Das Dilemma für Draghi & Co.: Würde die Euro-Bank einen forschen Ausstieg aus der Billiggeld-Ära einleiten, flösse Kapital in breiten Strömen nach Europa. Der Euro würde massiv aufwerten gegenüber dem Dollar und anderen wichtigen Währungen – Gift für die Wirtschaft, gerade in schwachen Ländern wie Italien, deren Exporte vom relativ billigen Euro profitiert haben.

Abstimmung der großen Notenbanken wäre notwendig

Globale Finanzmärkte verbinden die Volkswirtschaften heute zu einem dichten Geflecht. Versucht eine Notenbank den Krisenmodus zu verlassen und die Geldversorgung zu straffen, ist sie mit einer empfindlichen Aufwertung ihrer Währung konfrontiert.

Entsprechend dürfte sich in der Eurozone ein Ausstieg aus der „quantitativen Lockerung“ weiter verzögern, selbst wenn er eigentlich überfällig wäre. Durchaus problematisch: Lässt eine Normalisierung der Geldversorgung zu lange auf sich warten, droht ein übersprudelnder Boom, gefolgt von der nächsten Finanzkrise.

Wegen dieser wechselseitigen internationalen Abhängigkeiten sollten sich die EZB, die Fed und die anderen großen Notenbanken eigentlich abstimmen und gemeinsam allmählich die Geldpolitik normalisieren: Anleihekäufe einstellen, Zinsen anheben. Eine global konzertierte Aktion – damit Geld und Finanzen stabil bleiben.

Aber wie die Dinge liegen, wird es dazu so bald nicht kommen.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/europaeische-zentralbank-es-wird-zeit-aus-der-hyperaktiven-geldpolitik-auszusteigen-a-1165866-druck.html

03. September 2017, 11:12 Uhr

Expansive Geldpolitik

Draghis Dilemma

Eine Kolumne von Henrik Müller