Wie es Russland schafft, Kryptowährungen gleichzeitig zu verbieten und auf die Moskauer Börse zu bringen

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Wie es Russland schafft, Kryptowährungen gleichzeitig zu verbieten und auf die Moskauer Börse zu bringen

Posted on 30. August 2017 by Christoph Bergmann

Russland ist ein verwirrendes, widersprüchliches Land – auch bei Kryptowährungen. So soll der Handel mit Kryptowährungen auf die Moskauer Börse kommen – während die Benutzung des digitalen Geldes für gewöhnliche Bürger  womöglich verboten wird. Zugleich verkaufen Energiekonzerne massiv Strom an Miner, und ein russischer Unternehmer sieht in der Geldrevolution die Chance, die Hegemonie der USA zu beenden. Wenn es die Regierung nicht verbockt …

Im Universum der Kryptowährungen sind 12 Monate eine halbe Ewigkeit. Noch vor einem Jahr hätte man die Nachrichten, die derzeit aus Russland kommen, für einen verspäteten Aprilscherz gehalten. Heute denkt man sich eher, dass es Zeit wurde, endlich das offensichtliche zu tun.

So hat die Moskauer Börse angekündigt, das zu tun, was angesichts des Kryptobooms für eine Handelsplattform eigentlich selbstverständlich sein sollte: nämlich den Handel mit Kryptowährungen einzuführen. Bitcoin.com berichtet, dass die wichtigste Börse des Landes in einer Pressekonferenz verlauten ließ, bereits dabei zu sein, “eine Infrastruktur für den Handel aufzubauen. Genauer gesagt schaffen wir eine Plattform für Post-Trading-Services für Krypto-Assets.”

Weiter erklärte ein Pressesprecher der Börse, was genau gehandelt werden soll: “Wir sind bereit, den Handel von Finanzprodukten anzubieten, wenn es für diese bei den Händlern und deren Kunden ein Interesse gibt und wenn eine hinreichende Rechtssicherheit besteht.” Die Börse soll zukünftig sowohl Kryptowährungen selbst als auch Derivate und ETFs listen. Ähnliche Pläne hat scheinbar auch die Börse von St. Petersburg.

Derzeit sei man allerdings, so die Moskauer Börse, noch in Gesprächen mit den Regulierern, um die verbleibenden noch offenen rechtlichen Umstände des Handels von Kryptowährungen zu klären. Damit dürfte die Börse wohl offene Türen beim Finanzministerium einrennen – wenn man ernst nimmt, was der stellvertretende Finanzminister des Landes sagt.

Handel nur für “qualifizierte Investoren”

Kurz vor der Meldung der Börse hat nämlich Alexei Moiseew in einem Interview ausführlich über seine Plänen bezüglich Bitcoin und Kryptowährungen geredet. Das Interview ist, auf russisch, hier zu sehen. Berichte darüber gibt es unter anderem bei Bitcoin.com und ZeroHedge. Laut den Magazinen beabsichtigt der stellvertretender Finanzminister Russlands, Kryptowährungen als Finanzprodukt zu regulieren: “Es gibt die Ansicht, dass Kryptowährungen wie Bitcoin Pyramidenspiele sind. Investitionen in sie sind hochriskant. Dies ist die Basis unserer Regulierung,”so Moiseew.

Diese Pläne sind gut für die Börsen, da diese bald Kryptowährungen verkaufen können. Der Handel soll unter der Beobachtung der Finanzaufsicht der Russischen Republik ablaufen. Die genauen Umstände werden derzeit vom Finanzministerium mit der Zentralbank und der Moskauer Börse diskutiert.

Schlecht hingegen sind diese Pläne für die Nutzer von Kryptowährungen. Denn als Käufer sind an den Börsen nur “qualifizierte Investoren” zugelassen. Für “gewöhnliche Leute” seien Kryptowährungen, so der stellvertretende Finanzminister, zu gefährlich.

Dass dies nicht ganz im Sinne der Sache sein kann, ist auch einigen Russen in leitenden Positionen klar. Ein Hintergrundbericht auf rambler.ru (hier die Google-Übersetzung) zitiert kritische Stimmen zur geplanten Regulierung.

Eine Chance, die Hegemonie des Dollars abzuwerfen?

Allen voran gibt sich Dimitrij Marinichew wenig begeistert. Der Internetberater von Russlands Präsident Wladimir Putin erklärt, dass “diese Art von Restriktionen schädlich für Russlands wirtschaftliche Entwicklung sind. Sie werden die Bürger in keinster Weise schützen, sondern lediglich ihre Fähigkeit begrenzen, neue Technologien zu benutzen.” Dies werde Russlands Wettbewerbsfähigkeit schaden, womit man eine Chance verpasse, sich an die Spitze eines neuen globalen Marktes zu setzen.

Weiter ins Detail geht Dimitrij Golubowskij vom Golden Mint House. Er interpretiert die Äußerungen von Moiseew als ein Verbot der Zirkulation von Kryptowährungen als Geld. Damit, so Golubowskij, verlieren Kryptowährungen jedoch ihre wichtigste Funktion – nämlich als Vehikel für den Transfer von Werten zu dienen – und damit auch jeden Grund, überhaupt erst gehandelt zu werden. “Wenn ihr kein praktisches Potenzial in Kryptowährungen seht – warum schafft ihr dann eine Nische, in der mit ihnen spekuliert werden kann? Haben wir etwa zu wenig spekulative Investmentprodukte in unserer Wirtschaft?”

Pavel Durow, der Gründer des Telegram Messenger und des russischen sozialen Netzwerks VKontakte, ordnet seine Kritik an der geplanten Regulierung sogar in den weltpolitischen Kontext ein. “Zum ersten Mal seit 70 Jahren hat das globale Finanzsystem die Chance, die Hegemonie der USA abzuwerfen, welche der Welt ihre nationale Währung als Reserve aufgezwungen hat und faktisch Tribut von allen Ländern einzieht, indem sie ihre Schulden damit begleicht, endlos neue Dollar zu drucken. Und anstatt dass wir nun die Chance am Schopf packen, die Welt gerechter zu machen, und zusammen mit Japan und anderen asiatischen Ländern den Status der neuen digitalen Währungen anerkennen, damit sie den Dollar ersetzen – stattdessen entscheidet sich die russische Regierung dafür, ‘diese Sache zu verbieten und zu begrenzen’.”

Strom für 3 cent je Kilowattstunde

Die Ambitionen, Russland zur Kryptowährungs-Weltmacht zu machen, sind durchaus ernstzunehmen. Berichten von RT und Dailystrom.ru zufolge schicken sich die Energiekonzerne des Landes derzeit an, ihre riesigen Reserven zu nutzen, um Russland zu Mining-Großmacht zu machen.

Immer mehr russische Energiefirmen beginnen, überschüssige Energie an Miner zu Sonderpreisen zu verpachten. Was wir hier für den Standort Deutschland vor gut einem Jahr noch als Aprilscherz gebracht haben, wird in Russland nun professionell angegangen. Wenn ich die Meldungen richtig verstehe, haben große Energiekonzerne wie EvroSibEnergo und auch Gazprom sogar eine Webseite entwickelt, die zeigt, wie viel Energie an 70 Standorten zu welchen Preisen verfügbar ist. Die Stromanbieter haben bereits Dutzende Anfragen von Minern erhalten und sind derzeit noch in Verhandlungen. Verträge wurden offenbar noch nicht abgeschlossen.

Die Strompreise in Russland sind mit etwa 4,5 Rubel (6 cent) je Kilowattstunde ohnehin recht günstig. Mit den Sondertarifen von 2 Rubel (3 cent), die die Stromerzeuger den Minern anbieten, dürfte Russland zu den günstigsten Mining-Standorten der Welt gehören. Der bereits genannte Internet-Berater von Wladimir Putin, Dimitrij Marinichew, trat bereits mit einer ICO hervor, die 100 Millionen Dollar sammeln soll, um Bitcoin-Miner für die russischen Haushalte zu entwickeln.

Russland meint es offenbar ernst mit Kryptowährungen. Ob jedoch jenseits von Profiten durch Handel und Mining auch die Bürger in den Genuss der Freiheiten der Geldrevolution kommen, ist noch nicht geklärt.